„In der Bundesliga hat Doping seit langem Tradition“ (Schumacher)
Dies ist wohl das größte Wespennest, das ich anfassen will. In Gesprächen mit Freunden ist die Mehrzahl überzeugt, dass Doping im Fussball nicht der Fall ist. Als Argumente dagegen werden aufgeführt: „Mannschaftsportart“ und „zu technische Disziplin“, nach dem Motto die höchsten Ligen sind von den besten Technikern durchdrungen, die ja schon so gut sind, dass sie Doping gar nicht nötig haben.
Ich behaupte das Gegenteil. Fussball ist wie alle anderen Sportarten eben gerade im Spitzenbereich voller Doping. Wespennest trifft auch zu, da ich mit der These eben schon der schlimmstmögliche Nestbeschmutzer bin. Der normale Fan will ja nun überhaupt nicht wissen, dass sein Verein, sein Lieblingsfussballer eventuell abhängig von Doping ist. Ich bin selbst seit ewig riesiger Fussball-Fan, vor allen anderen Sportarten, wie Millionen andere, aber die heilige Kuh Fussball muss auch mal vom Eis.
Belege folgen. Hört sich so wichtigtuerisch an. Hier schon mal zwei:
Die «Alte Dame» gedopt
Die Fussballspieler von Juventus Turin jahrelang
systematisch mit EPO versorgt
ph. Die grosse Squadra von Juventus Turin mit Vialli, Roberto Baggio, Del Piero und Zidane ist in den neunziger Jahren systematisch gedopt worden. Die jetzt veröffentlichte schriftliche Begründung des Urteils gegen den Teamarzt Ricardo Agricola, der am 26. November 2004 in Turin mit 20 Monaten Gefängnis bestraft wurde, deckt auf, wie der Dottore die gesamte Mannschaft der «Alten Dame» ohne medizinische Indikation mit EPO, mit Unmengen von nicht verbotenem Kreatin und mit dem Schmerzmittel Voltaren aufpäppelte. Agricolas Apotheke umfasste 281 Medikamente und hätte zur «Versorgung einer Kleinstadt» ausgereicht, wie ein Sachverständiger sagte. In der untersuchten Zeitspanne von 1994 bis 1998 gewann Juventus drei Meistertitel und 1996 die Champions League. Parallel dazu sabotierte damals das nationale Kontrolllabor in Acquacetosa sämtliche Dopingproben aus der Serie A, sie wurden ungeöffnet weggeworfen.
Mit der Augenwischerei ist es nun vorbei. Der Fall Juventus belegt, dass im Fussball nach medizinischer Strategie gedopt wird, wie in Radrennställen und in der Leichtathletik, und nicht nur versehentlich Einzeltäter ertappt werden – auch wenn der Fifa-Generalsekretär Urs Linsi unlängst noch schwadronierte, «es» bringe nichts. Der Turiner Einzelrichter Casalbore hielt es für «wahrscheinlich», dass der Juventus-CEO Giraudo in die Affäre verwickelt oder zumindest Mitwisser war, «schon wegen der hohen Pharmapreise». Aber den schlüssigen Beweis dafür konnte er nicht liefern. Hingegen droht den Spielern ein Prozess wegen Falschaussage. Zum Handeln gezwungen gegen den mächtigsten Klub Italiens werden endlich auch der italienische Fussballverband, der bisher respektvoll zugeschaut hat, sowie der Europäische Fussballverband. Denkbare Sanktionen wären die Aberkennung der Titel und nachträgliche Sperren der noch aktiven Fussballspieler, möglicherweise auch ein Punkteabzug in der nächsten Meisterschaft. Oder Schwamm drüber wegen Verjährung.26. Februar 2005, Neue Zürcher Zeitung
Zweiter Fall:
Josep Guardiola, der frische neue Trainer vom FC Barcelona, hat wie Jaap Stam, Edgar Davids, Christophe Dugarry, etc Ende der 1990er mit Nandrolon gedopt. Lesen Sie bspw hier dazu mehr.
Auch der Spiegel glaubt an weitere Fälle (hier), aber vielleicht bröckelt es mal, nur einen Einsturz der Mauer wird es nicht geben. Kann es nicht geben. Darf es nicht geben.
Dritter Fall:
Vielleicht einer der spannendsten. Es geht um Olympique Marseille, das Ende der 1980er, Anfang der 1990er eines der stärksten Teams Europas war. Präsident Bernard Tapie war nicht nur sehr erfolgreich, sondern auch sehr erfahren. Mit dem angesammelten Geld stellte er eine Spitzen Mannschaft zusammen, die 1993 den Europapokal der Landesmeister gewann (hieß damals gerade noch nicht Champions League). Eben vor diesem Finale wurden alle Spieler angehalten, sich einer Injektion zu unterziehen, nur Rudi Völler weigerte sich. So weit diese Geschichte. Völler kann sich an nichts mehr erinnern, aber Tony Cascarino, der von 1994-1997 bei Marseille spielte, schreibt, dass Injektionen zur Praxis gehörten. Interessant ist, dass Tapie laut diesem Bericht selber gedopt war, nun kam er aber auch vom Radsport. Gewisse Erfahrungen können zur Sucht werden!
Eine gute Übersicht über den bisherigen Wissenstand gibt aber auch Thomas Kistner in seinem prämierten Artikel Spritzensport Fussball.