Es ist ein grosses Geflecht von Interessen, das das Doping protegiert. An der Spitze steht wohl niemand anderes als der Staat. Wolfgang Schäuble schreibt in der aktuellen Broschüre des Innenministeriums “Partner des Spitzensports”: “Der Sport bietet Chancen zur nationalen und internationalen Repräsentation Deutschlands und ist zudem ein Wirtschaftsfaktor ersten Ranges.” Deutschland will nicht zuletzt in solch wichtigem Standing wie dem Medaillenspiegel bei Olympischen Spielen vorne mitmischen (“Auf der Basis der erfolgreich praktizierten Grundsätze der Sportförderung gelang es Deutschland, die Olympischen Winterspiele in Turin 2006 als erfolgreichste Nation zu beenden. Ein beeindruckendes Ergebnis! In der Saison 2006/2007, das heißt im nacholympischen Jahr, gelang es den deutschen Wintersportverbänden sogar, dieses Ergebnis nicht nur zu halten, sondern den Vorsprung noch weiter auszubauen. Diese Resultate wären ohne die vom Parlament beschlossene Unterstützung aus dem Bundeshaushalt nicht möglich gewesen. Ziel ist es, bei den Winterspielen in Vancouver diese Erfolge zu wiederholen und wieder Wintersportnation Nummer eins in der Welt zu werden. Diese ehrgeizige Vorgabe ist daher auch Leitgedanke der Zielvereinbarungen, die die Wintersportverbände Anfang 2008 mit dem DOSB unter Beteiligung des Bundesministeriums des Innern einvernehmlich abgeschlossen haben.”). Der Beitrag des Staates hat sich auch im Einigungsvertrag zwischen BRD und DDR manifestiert, als Dopingschmieden als erhaltenswerte Sportstätten übernommen wurden.
Sport als Witschaftfaktor ersten Ranges ist so ein gutes Stichwort. Die den Sport benutzende Industrie ist nicht nur auf Trainingsschuhhersteller beschränkt. Im Doping-Zusammenhang fällt mir da als erstes die Pharmabranche ein. Bei der Recherche zu einzelnen Dopingmitteln bin ich immer wieder erstaunt, wie offenkundig einzelne Mittel über und neben der Suchanfrage als Werbung angeboten werden. Gebe ich bspw. “anabole Steroide” bei google ein, kann ich aus einem reichhaltigen Angebot wählen:
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Das betrifft nun den einzelnen Kunden, aber ein ganzer Verband mit x Mitgliedern ist vermutlich ein interessanterer Kunde.
Die Verbände sind angehalten, Spitzenleistungen von ihren Athleten zu bekommen, um ihrerseits Werbeverträge, aber eben auch Förderleistungen zu bekommen. “Das Bundesinnenministerium förderte im Jahre 2007 insgesamt 50 Bundessportfachverbände mit einem Volumen von rund 41 Millionen Euro.”
Es geht also, klar, in erster Linie ums Geld. Man könnte meinen, es sei ein Problem des Kapitalismus, aber es ist ebenso eine Strukturfrage von Macht. Es ist nicht anders als mafiös zu nennen; nicht zuletzt wird auch immer von der ‘Familie’ gesprochen, die die den Sport betreffenden Belange regelt. Signifikant ist zudem, dass Verbände wie die FIFA, die Milliardenumsätze verzeichnet, als Vereine fungieren, befreit von Steuern und auch von rechtlicher Untersuchung. Nicht umsonst befinden sich die meisten internationalen Verbände in der Schweiz, wo einzelne Kantone sich darum reißen, den jeweiligen Verbänden Haus und Hof zu gewähren. Selbst die WADA sitzt in der Schweiz und ich kann mir den Eindruck nicht verwehren, dass diese sog. Anti-Doping-Strategien oder -Institutionen eben einfach nur ein weiterer Teil der grossen Sportfamilie sind.
(vgl. hierzu auch “Korruption im Sport” -> siehe Bibliographie)
Sollte es dennoch einmal zu Rechtsprozessen kommen, sind diese meist wirkungslos. Ein hübsches Beispiel dafür hier aus der NZZ, über den EPO-Dottore Francesco Conconi.
Conconi ist auch ein hervorragendes Beispiel für die Verflechtung von Verbänden, Ärzten und nicht zuletzt wirtschaftlichen Interessen, wenn es darum geht, der Öffentlichkeit “wirksame Anti-Doping Maßnahmen” unterzujubeln. Das IOC, nach Jahren des Verzagens und des Hörensagens, gibt eine Studie über Epo in Auftrag. An wen geht der Auftrag? An Francesco Conconi, den obersten Doper Italiens. (Siehe dazu Interview mit Sandro Donati in der NZZ, dankenswerterweise dokumentiert vom Schwimmverein Limmat Zürich , der ein gutes Doping-Archiv pflegt.)
In dieser Wertschöpfungskette befinden sich selbstverständlich auch die Medien. Insbesondere die Anstalten, die einzelne Wettbewerbe zu Events hochjazzen, brauchen hohe Zuschauerquoten, um die gut dotierten Werbeverträge zu erlangen. Negativmeldungen über Doping mindern das Zuschauerinteresse und sind somit nicht von Belang.
Die Athleten stehen am Ende dieser Kette und können eigentlich nur als Opfer angesehen werden. Selbst Trainer und Ärzte, die Doping verabreichen, sind letztlich “nur” instrumentalisiert. So wie ich als Fernsehzuschauer eben auch. Folgerichtig wäre, die Glotze nicht mehr einzuschalten. Zumindest so lange wie es keine öffentliche Kontrolle gibt. Dieses Geflecht ist das Gegenteil von transparent. Ich fühle mich betrogen und angeekelt.